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Ferienhäuser im Piemont, Italien

Langhe | Roero | Monferrato

Im Lande der Steinpilzjäger

desperately seeking porcini

By David Campbell (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) (Ubersetzen von Sabine Christodoulou))

(Published in FUNGI Volume 8:5 Mid-Winter 2016)

Eigentlich ist Franco daran schuld, der mich um sieben Uhr morgens ...

noch im Dunkeln aus dem Schlaf riss, aus Jetlag-bedingtem Tiefschlaf und zahlreichen Traumphasen. Scheint es mir nur so, oder war ich gestern noch in San Francisco – ich stolpere die Treppen hinunter und versuche, mich zu orientieren. Richtig, so war es ... Jetzt befinde ich mich also in Piemont, in meiner außerordentlich vornehmen ländlichen Ferienwohnung im Roero Weingebiet, hoch oben an einen breiten, einsamen Grat geschmiegt inmitten endloser Reihen sorgfältig gepflegter Barbera Weinstöcke, VASEderen Blätter im dunklen Herbstkleid flammen. Erneut lautes Klopfen an der Türe, aus der Ferne harmonisch untermalt mit dem feierlichen Glockengeläute vom Turm der Cisterna D’Asti Kirche, den ich vom Fenster aus sehen kann. Auf dem Hügel jenseits des Tales glühen noch Lichter. “Die Mistkerle sammeln unsere Steinpilze! Wir müssen uns beeilen!” platzt Franco heraus, als ich aufmache, sein Wagen direkt hinter ihm, mit laufendem Motor, brennenden Scheinwerfern und weit offenem Kofferraum, bereit zum Umräumen der Ausrüstung. “Wir fahren in deinem Wagen, meinen muss ich für Claudia dalassen. Fahr mir nach zu meinem Haus.” Eine Stunde nach Beginn unserer wilden Jagd auf die Alpen zu bricht schließlich der erste Strahl der Morgensonne hervor. Franco sitzt am Steuer, im Formel 1 Stil, umfährt geschickt Alba, saust in der Morgendämmerung auf obskuren Nebenstraßen gen Süden, wie nur Einheimische es können, durch das endlose Flickwerk verhätschelter, kostbarer Nebbiolo Weinstöcke, und rast in Serpentinen bergauf und bergab durch die hügelige Landschaft der Barolo Region. Dann haben wir plötzlich das Labyrinth des Alta Langhe Rücken hinter uns gelassen, und biegen auf die Hauptstraße durch das Flusstal des Tanaro ein. In der Nähe von Ceva halten wir bei einer Imbissbude am Straßenrand, um am klassischen italienischen Morgenritual von Kaffee und Gebäck teilzuhaben, verzichten allerdings auf den allgegenwärtigen drittenDAVID Bestandteils dieses Rituals – die Zigarette – die die geheime Ernährungstriade des dynamischen italienischen Archetyps vervollständigt hätte: Koffein, Zucker und Nikotin. Als Proviant für später kaufen wir ein Paar kalte und ziemlich mickrige Panini, die aus ausgesprochen faden hellen Brötchen mit einer dünnen Lage Salami bestehen. Italiener essen gerne gut, denke ich bei mir, bloß eben nicht früh morgens an Imbissbuden. Erst jetzt beginnt mein aus dem Schlaf gerissenes Bewusstsein allmählich, sich zu entnebeln und als ich wieder klarer sehe, mache ich eine ziemlich beunruhigende Entdeckung. In meinem bemitleidenswerten Geisteszustand heute Morgen beim Ankleiden hatte ich zwar meine brandneuen weißen Baumwollsocken angezogen, es jedoch unterlassen, die Latschen gegen meine festen Bergstiefel zu tauschen, die ich extra direkt an der Türe platziert hatte, damit ich sie auf keinen Fall vergessen könnte. Als wir nun weiterfahren, gebe ich lautstark Franco die Schuld daran, ernte dafür aber nur Schadenfreude und ein spöttisches Grinsen … Kein Grund zum Umkehren, versichere ich ihm tapfer. In Amerika tragen sowieso nur Weichlinge zum Pilze suchen Stiefel. Die Staatsstraße 28 folgt dem breiten Flusstal bis Ceva und dann an einer tiefen Schlucht entlang dem Oberlauf des Tanaro gen Süden in die Seealpen, bis sie schließlich über einen steilen Pass zur italienischen Riviera und zum Ligurischen Meer verläuft. Hinter Ceva erweitert sich die Schlucht und wird zu einem engen Tal mit spärlich verstreuten rustikalen Dörfern. In der Nähe von Garessio biegen wir plötzlich scharf rechts in eine einspurige Pflasterstraße ein, die vom Tal westwärts in steilen Serpentinen einen abgelegenen und einsamen Pass erklimmt, auf dem sich ein ziemlich schäbiges, möglicherweise verlassenes Schigebiet befindet. Franco nimmt wieder eine scharfe Rechtskehre, und jetzt rumpeln wir in meinem glänzenden neuen Mietwagen einen total zerrütteten Schotterweg entlang (“der Mieter ist damit einverstanden, von der Benutzung unbefestigter Straßen abzusehen…“), FRANCOsuchen uns einen Weg über tief ausgewaschene Rinnen und durch haufenweise verstreutes, scharfkantiges Felsgestein, bergauf, unermüdlich weiter auf diesem abgelegenen Berghang. Franco scheint davon besessen zu sein, einen neuen Sammelplatz mit dem Kodenamen Garessio 2K (Bezug auf die metrische Höhenangabe) zu finden. Es ist ein Flecken, den Giancarlo, sein steinpilzsüchtiger Freund von daheim in Canale ihm verraten hat. Wir hatten hier und da geparkte Wagen bemerkt, als wir die Schotterstraße hinauffuhren, die mit Sicherheit Pilze Sammlern gehörten, und sahen jetzt weitere entlang dieses brutalen Maultierpfades von einer Straße. “Diese Mistkerle“, fluchten wir einstimmig, denn wir hatten Grund zu der Annahme, dass sie mitten in der Nacht gekommen waren. Ich muss an eine „Pilzmassaker“ Geschichte aus der Mailänder Presse denken, die ich vor ein paar Jahren im Internet gefunden habe. Unzählige Italiener sterben an Pilzvergiftung? Das ist doch sehr unwahrscheinlich, dachte ich. Fälle von Pilzvergiftung sind in Italien eigentlich sehr selten. Die Sammler hierzulande haben im Allgemeinen einen gesunden Respekt vor den Gefahren, die mit dem Verzehr von Wildpilzen verbunden sind, und halten sich an das, was ihnen bekannt ist. Beim Weiterlesen entdeckte ich, dass eine erstaunlich hohe Zahl von Steinpilzbegeisterten in mehreren Einzelfällen (im Eifer, im Schutz der Dunkelheit die Ersten zu sein) tragisch ums Leben kamen, als sie von hohen Felsklippen unpraktisch nah bei ihren geheimen Pilzsammelstellen in die Tiefe stürzten. Ich kann mich des Verdachtes nicht erwehren, dass ein fantasievoller Journalist sich das ausgedacht hat, obwohl mir die Geschichte nicht mehr so vollkommen undenkbar erscheint, nachdem ich einige italienische Steinpilzjäger kennengelernt habe. Franco erklärt mir die örtlichen gesetzlichen Regelungen bzw. den Mangel daran, während wir parken und uns darauf vorbereiten, den einladenden Buchenwald zu betreten. Er besitzt eine Sammellizenz, aber sie gilt nur an ungeraden Kalendertagen, und heute ist ein gerader. Hm, wir sind also Gesetzesbrecher? Franco zuckt mit den Schultern. Ich selbst habe überhaupt keine Sammelerlaubnis. Wir einigen uns, dass er alle Steinpilze tragen muss, die wir finden, falls uns ein Gesetzeshüter konfrontiert und wir ziemlich schnell Italienisch sprechen müssen, oder vielmehr Piemontesisch, die bevorzugte Sprache der Einheimischen.  Der Autor mit ‚mazza di tamburo‘ („Paukenschlegeln“), oder Schirmpilzen! Wie ich bald herausfinde, ist es gar nicht so einfach, in diesen riesigen Buchenwäldern nach Steinpilzen zu suchen, die Hälfte der Herbstblätter sind bereits abgefallen, häufen sich am Waldboden und verbergen unter sich jegliche versteckten Pilzschätze, die dort wachsen mögen. Die Konkurrenz ist groß, wie mir mitgeteilt wird, trotz der abgelegenen Lage unserer Sammelstelle. Diese Wälder werden jeden Tag von zweibeinigen Steinpilz-Jagdhunden durchkämmt, die nach dem kleinsten Hubbel im Blätter Mulch suchen, der das verräterische Merkmal einer entstehenden Pilzschönheit sein könnte. Ich amüsiere mich damit, eine Sammlung von anderen Pilzen in praktisch allen Farben des Regenbogens anzulegen: TWOMUSH

violetten Rötelritterling (Lepista nuda), grüngefelderten Täubling (Russula virescens), ametystblauen Lacktrichterling (Laccaria amethystina), blauen Anis-Trichterling (Clitocybe odora), orangen Edelreizker (Lactarius deliciosus) von einem verirrten Tannenstämmchen, und den immer elegant wirkenden braunen Riesenschirmpilz (Macrolepiota procera) mit seiner dekorativen Hutstruktur. Weitere Schmuckstücke im Blätter Mulch sind verschiedene Arten von Klumpfuß (Cortinarius) und Korallen (Ramaria), Milchlingen (Lactarius) und Rüblingen (Collybia), eine beeindruckende Sammlung von Wulstlingen (Amanita), einschließlich des allgegenwärtigen leuchtend rot und weißgepunkteten Fliegenpilzes (Amanita muscaria), und zuweilen des bleigrünen Hutes des Knollenblätterpilzes (Amanita phalloides). Als ich schließlich Franco im Wald einhole, hat er einen Steinpilz gefunden, genau einen mehr als ich. Es ist ein gesundes junges Exemplar, aber entschieden ein Einzelstück. Er nimmt kurzentschlossen sein Handy und ruft Giancarlo & Freunde an, weil er weiß, dass sie heute ebenfalls in der Nähe auf Steinpilzjagd sind. Sie melden bessere Resultate bei der Ausbeute wo sie sind, in Luftlinie nur ein paar Kilometer entfernt. Erfolg definiert sich natürlich durch die Steinpilz Ausbeute. Schnell zurück zum Auto, den langen Hang zur Staatsstraße 28 hinunter, dann scharf links und wiederum in scheinbar endlosen Serpentinen auf die gewünschte Höhe, dann schließlich in eine Seitenstraße neben unserer festgesetzten Markierung neben einer alten Kirche gegenüber einer Pferdekoppel. Wir fahren vorsichtig ein paar Kilometer durch einen offenen Wald mit hohen Kiefern mit Waldwiesen voller Wildblumen in den glühendsten Farben, und parken ganz am Ende des Weges. Franco schnappt sich seinen Korb, ich meinen Beutel, und wir stürzen uns unverzüglich einen Südhang hinunter in einen Wald ganz anderer Farbe, ein ausgedehnter, alter Kastanienwald, in dem die Blätter noch kaum gefallen sind, sondern gerade erst ihr tiefgrünes Sommerkleid gegen das Gelb, Kupfer und Bronze ihres Herbstgewandes tauschen. Dann passiert es, ganz einfach so. Bingo! Zuerst ragt ein Steinpilz mit burgunderroter Kappe aus den lockeren Kastanienblättern am Boden, dann ein zweiter, dann schauen ein Paar braune Schönheiten zwischen gefallenen Blättern hervor. Ich habe also zwei verschiedene Arten von Steinpilzen gefunden: Boletus pinophilus (den rotbraunen Steinpilz) und Boletus edulis (den gemeinen Steinpilz oder Herrenpilz). Zwei andere Boletusarten werden in Italien ebenfalls als Steinpilze akzeptiert: Boletus aestivalis (Sommer- oder Eichensteinpilz) und Boletus aereus (schwarzhütiger Steinpilz mit Bezug auf seine dunkle Farbe, oder Bronze Röhrling wegen seiner auffallenden Bronzetönung). Diese Komplexität der Arten ist der Grund für einige Verwirrung bei der Frage, wie ein „Steinpilz“ eigentlich zu definieren sei, da die meisten italienischen Sammler nur kennen, was sie in ihrer Umgebung finden, nicht selten also nur eine dieser vier Arten. Nichtsdestoweniger bedeutet Pilze suchen für die meisten Italiener automatisch Steinpilzsuche, und wenn man sich auf die Suche irgendwelcher anderer Pilzarten bezieht, muss man das dazusagen, und vielleicht auch rechtfertigen, warum man den Wunsch danach hegen mag. Steinpilze sehen nicht unbedingt alle gleich aus, was eine massive Kontroverse auslöst. Im typischen Fall ist dann das, womit der Sammler am vertrautesten ist, der echte Steinpilz, und alle andern sind Fälschungen. Unter Kennern, die mit dem ganzen Spektrum vertraut sind, gelten Boletus aereus (der schwarzhütige) und Boletus aestivalis (Sommersteinpilz, auch als Boletus reticulatis bekannt) als die Besten. Beide wachsen unter Laubhölzern (Buche, Kastanie, Eiche) und bevorzugen wärmere Temperaturverhältnisse, beide werden im Allgemeinen ohne negative Auswirkungen von Menschen und Insekten roh verzehrt. Der gemeine Steinpilz (Boletus edulis) zeigt sich kurz im Frühling und erscheint dann wieder im Herbst bis zum ersten Frost. Er wächst unter Laubhölzern und Kiefern. Vorsicht ist geboten beim rohen Verzehr, da manche Leute davon Verdauungsschwierigkeiten erleiden. Der Kiefernsteinpilz (Boletus pinicola/pinophilus) wird innerhalb dieser begehrten Gruppe kulinarisch am niedrigsten eingeschätzt, und es wird meistens empfohlen, dass er sich am besten zum Einmachen eignet, da die Kappe auch nach Behandlung noch ihre satte braune Farbe behält und in dekorativen Gläsern fantastisch aussieht. Er hat ebenfalls eine zweigeteilte Fruchtsaison, bildet im Spätfrühling einen Fruchtkörper, dann wieder gegen Ende des Sommers, und wächst unter Laubhölzern und Nadelhölzern. Nun denn, was macht also einen Steinpilz zu einem Steinpilz? Es ist ein Pilz der Gattung Boletus (Dickröhrling), entwickelt seine Sporen in einem Röhrennetz oder „Schwamm“ anstatt an Lamellen oder andern Transportmitteln. Charakteristisch ist die gedrungene Form mit einem dicken Stiel, einer weißen Schwammoberfläche bei jungen Exemplaren, Fruchtfleisch, das sich nicht verfärbt und seine hochbegehrte kulinarische Eigenschaft. In den Vereinigten Staaten schließen unsere vergleichbaren Steinpilzarten Boletus edulis (king bolete), Boletus regineus (queen bolete), Boletus rex-veris (spring king), Boletus rubriceps (rocky mountain king) und Boletus barrowsii (white king) ein. Viele andere Arten von Röhrenpilzen, die in bestehenden Veröffentlichungen beschrieben werden, sind definitiv keine Steinpilze, einschließlich solcher mit rotem Schwamm, sich blau-verfärbendem Fruchtfleisch oder bitterem Geschmack. Ich habe jedoch erfahren, dass die mykologische Beratergruppe Schritte eingeleitet hat, solche Eindringlinge als alternierende Gattungen zu klassifizieren, und schließlich sollen die Begriffe “Boletus” und “Steinpilz” als Synonyme behandelt werden, und sich auf die Mitglieder der Boletaceae Familie vom Stamme der Steinpilze beziehen. Ich bin so tief im Wald, dass ich Franco schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen habe. Meine Suche hat mich im Zickzack einen verschlungenen Hang hinunter geführt, wobei die Ausrichtung sich von Osten nach Süden und Westen verschiebt, während ich ihn überquere und mich von Zeit zu Zeit bücke, um das ein oder andere Exemplar mitzunehmen. Ich bin hoch erfreut, als ich auf eine hübsche kleine Gruppe von schwarzen Herbsttrompeten (Craterellus cornucopioides) stoße. Ein schmackhafter, Petunien förmiger Pilz, der jedoch wegen seiner dunklen Färbung in Italien und andern Ländern in Europa einen unseligen und irreführenden Spitznamen trägt – trombette da morto (Todestrompete!). Ich muss feststellen, dass die Zehen meiner brandneuen weißen Socken in meinen offenen Sandalen voller Kletten und jetzt auch noch von Brombeerranken ausgefranst und zerfetzt einen komischen Anblick bieten. Ich muss mir eingestehen, dass die Wahl meiner Fußbekleidung wirklich vollkommen ungeeignet und idiotisch war. Meine vielgeplagten Füße geben mir stöhnend Recht, während sie weiterhin unter der unzumutbaren Belastung, der unaufhörlichen Anstrengung und dem schroffen Bergterrain zu leiden haben. Ich höre Franco von irgendwo noch weiter unten am Hang nach mir brüllen und folge dem Klang seiner Stimme. Er hat unsere freundlichen Sammlergenossen gefunden und erhebt gerade erneut seine Stimme, als ich hinter einem nahen Baum hervorkomme. Auf einen Blick sehe ich, dass der ganze Hang mit gebückten Gestalten übersäht ist, Pilzkörbe fest im Griff, Augen ebenso fest an den Boden geheftet. Es ist Giancarlo mit seiner Gang. Roberto ist mir am nächsten, und wie der Rest seiner Gruppe spricht er wenig oder gar kein Englisch … Mein Italienisch ist verbesserungsbedürftig, und trotz längerem Studium desselben würde ich meine Kenntnisse in dieser Sprache bestenfalls als ungenügendes Kindergartenniveau bezeichnen. Unbekümmert die abschreckende Sprachbarriere ignorierend, beschließe ich, Roberto meine farbenfrohe Sammlung essbarer Pilze zu zeigen. Als erstes ziehe ich einen kostbaren kleinen amethystfarbenen Milchling aus meinem Beutel. Dabei wird mir peinlich bewusst, dass Pilze sammeln mit Beuteln in Italien verboten ist. Strohkörbe oder andere luftdurchlässige Behälter sind allgemein vorgeschrieben, angeblich, um die Verteilung der Sporen bereits geernteter Pilze zu ermöglichen. Eine seltsame Idee der Behörden, denke ich, als ob man je verhindern könnte, dass Millionen von Sporen sich aus den gesammelten Pilzen verbreiten, selbst wenn man es darauf anlegen würde. Roberto ist mein einziges Publikum, als ich stolz mein amethystfarbenes Schmuckstück präsentiere. Alle andern im Hang sind finster entschlossen, den nächsten Steinpilz zu finden. Eh? Ich lächele und nicke, während ich ihm den Pilz hinhalte. Roberto schüttelt den Kopf und schneidet mit gerunzelten Augenbrauen eine Grimasse. Aber ja, widerspreche ich, und lange nach meiner nächsten geheimnisvollen Schönheit, dem Rauch-blauen, nach Lakritz duftenden Anis-Trichterling. Wir nennen sie „Azzurini“. Eh? Wieder lächle ich und nicke. Wiederum schüttelt Roberto den Kopf und schneidet eine Grimasse. Wie wär’s denn damit? – versuche ich erneut und schwenke meinen Strauß schwarzer Petunien, meine schönen Todestrompeten. Nun reicht es ihm, er ergreift meinen Beutel und betrachtet mit unverhohlenem Abscheu seinen Inhalt, ein paar vereinzelte Steinpilze in einem bunten Gemisch von Milchlingen, Täublingen, Rötelritterlingen, Stäublingen und mehrere Dutzend dieser komischen kleinen lila und blauen Kerlchen. Oh ja, und dann ist da noch eine Handvoll von Semmelstoppelpilzen, die ihre spröden weißen Zähnchen beim Schütteln des Beutels hundertfach über den Rest der Pilze verteilen, wobei die winzigen Nadeln einer Ansammlung weißer Maden nicht unähnlich sehen. Roberto entfernt sich eiligen Schrittes über den Hang, unter dem Vorwand, seine Steinpilzjagd fortzusetzen, aber der wirkliche Grund ist, dass er sich bei Franco diskret über seinen verrückten amerikanischen Pilzfreund erkundigen will, den in Sandalen mit einem Papierbeutel, der sich ganz sicher umbringen wird, wenn nicht als Resultat seiner blöden Fußbekleidung, dann auf jeden Fall durch seine abgrundtiefe Ignoranz in Bezug auf Pilze! Später fahren wir im Konvoi zu unserer nächsten Sammelstelle, und die ganze Gesellschaft macht unterwegs Pause bei einer organischen Bäckerei, einer Panetteria im winzigen Dörfchen Battifollo. In den Staaten würde ich mich glücklich preisen, wenn ich mir in so einem gottverlassenen Weiler einen Beutel Kartoffelchips und ein Budweiser beschaffen könnte. Aber hier setzen wir uns an einen großen, rustikalen Tisch auf einer überdachten Veranda, und es gibt ein großes frischgebackenes organisches Bauernbrot, eine gigantische Salamiwurst, einen dicken Laib Toma-Käse, eine Platte mit Apfel- und Birnenscheiben, eine beachtliche Auswahl an Hausgebrautem, und ein großzügiges Maß perfekt gekühlten, leichten und erfrischenden Arneis, dem in Piedmont beheimateten und dort bevorzugten Weißwein. Man muss schon sagen, das Leben in den Alpen ist nicht leicht. Roberto sitzt neben mir am Tisch. Vielleicht tue ich ihm leid, oder er will mich auch nur ärgern, jedenfalls beschließt er, dass er mir etwas beibringen kann, er zieht also sein spezielles Pilzmesser aus der Scheide, mit gebogener Klinge und eingebauter Bürste am Griffende und zeigt es mir stolz, mit erwartungsvoll gehobenen Augenbrauen meiner Bewunderung sicher. Ich identifiziere es sofort als ein Produkt der Opinel Herstellung, und zwar das Inox Modell. „Das ist ja französisch!“ sage ich verächtlich. Ich besitze auch so eins, habe es aber zu Hause gelassen. Seine Zinke ist für meinen Geschmack zu dünn, und ich finde die Klingensperre am Scharnier eher irritierend als nützlich. Ich zücke mein italienisches Pilzmesser, im Maniago, der Stadt der Klingen, hergestellt. „Italiano!“ – verkünde ich. „Il migliore!“ Jahre später ist bemerkenswerter Weise Franco immer noch mein guter Freund, und wir veranstalten jedes Jahr nach meiner Ankunft eine Reihe von Entdeckungsexpeditionen zur Pilz Jagd in den Seealpen und den Ligurischen Alpen, der Alta Langhe, den Naturschutzgebieten von Roero und Monferrato – wohin auch immer es uns gerade zieht. Es ist ihm gelungen, die Peinlichkeit meines unpassenden Aufzugs an jenem Tag zu erleiden und schließlich zu vergessen, an dem er mich seinen Sammlerfreunden zu Hause als den „amerikanischen Mykologen“ vorstellte, über die er sehr bald herausfand, dass sie weder die Energie hatten, Neues zu entdecken, noch den Willen zur Teamarbeit besaßen wie wir beide es verstehen. Sie wollen immer nur zu dem zurückkehren, was ihnen vertraut ist, und Giancarlo saß eines Tages im Auto und schmollte, während die andern noch auf dem Heimweg ein Bier trinken gingen. Anscheinend war die Ausbeute relativ mager gewesen, und jeder hatte nur einen Steinpilz oder zwei gefunden, außer ihm selber, der gar keinen gefunden hatte, was ihn in eine tiefe Depression stürzte. Wenn dagegen Franco und ich nur einen einzigen Steinpilz finden, ist es doch unser Fund, und wir verzehren ihn fröhlich zum Abendessen, trinken dazu eine Flasche Barbera d’Asti und führen eine tiefsinnige Unterhaltung über den unerklärlich traurigen Verlauf der diesjährigen Steinpilzsaison. Zudem sind da ja noch die ganzen anderen wunderbaren Pilze, die wir gesammelt haben – was für ein Genuss! Der Autor ist ein Freund von FUNGI und seine Gesellschaft Myco Ventures leitet jedes Jahr in Italien Exkursionen.